Spiegel Special 2008-2 - Allah im Abendland Der Islam und die Deutschen.pdf

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HAUSMITTEILUNG
uslime werden hierzulande immer wieder mit Fundamentalismus und Fa-
natismus, mit Gewalt und vormodernen patriarchalischen Traditionen
gleichgesetzt. Der Vielfalt der mehr als drei Millionen Anhänger Allahs
in Deutschland werden Pauschalurteile nicht gerecht, die Spannweite
reicht von islamistischen Eiferern bis zu weltoffenen, liberalen Muslimen, die sich
der westlichen Gesellschaft angepasst haben. In welchen Formen ein religiös be-
stimmtes Leben von Muslimen in Europa möglich ist und welche Hindernisse damit
verbunden sind, wird derzeit in Studien am Zentrum Moderner Orient in Berlin er-
forscht. Mit dem Koordinator des Projekts, dem Politikwissenschaftler Dietrich
Reetz, sprachen die SPIE-
GEL-Redakteure Norbert F.
Pötzl und Rainer Traub, die
dieses SPIEGEL SPECIAL
auch konzipiert haben. Es
sei, sagt Reetz, „berechtigt
und sicher auch notwendig,
Ängste und Besorgnisse auf-
zugreifen“. Aber dies sollte
„zu mehr Klarheit und Ver-
ständnis und nicht zu einer
weiteren Polarisierung“ bei-
tragen.
Pötzl, Reetz, Traub
ie Lebenswelten der Muslime in Deutschland werden nicht nur von SPIE-
GEL-Redakteuren und Experten wie der Islamwissenschaftlerin Ursula
Spuler-Stegemann oder den Politologen Claus Leggewie und Matthias
Küntzel beschrieben, sondern auch von Autoren, die selbst Muslime sind.
Der Orientalist Navid Kermani kritisiert, dass die gesamte Integrationsdebatte eine
Debatte über den Islam geworden sei – „als ob die Einwanderer nichts anderes
wären als Muslime“; die Autorin Mely Kiyak stellt ihre in Deutschland stark ver-
tretene Glaubensgemeinschaft der Aleviten vor; die Journalistin Canan Topçu schil-
dert, wie sie sich durch eine unsachlich geführte Diskussion um einen Moscheebau
wieder ihrer Religion zugewandt hat. Als Anwältin türkischer und kurdischer Frau-
en hat Seyran Ate≈ reich-
lich Erfahrung gesammelt mit
den dunklen Seiten islami-
schen Lebens. Parallelwelten,
Zwangsehen, Ehrenmorde,
die Rolle des Kopftuchs sind
ihre bevorzugten Themen.
Mit der streitbaren Frauen-
rechtlerin sprach SPIEGEL-
Reporterin Barbara Supp bei
einem „Campus-Gespräch“
in der Universität Stuttgart.
Ate≈, Supp
ariq Ramadan ist nicht der Erfinder des „Euro-Islam“ – diesen Begriff hat der
Göttinger Politikwissenschaftler Bassam Tibi geprägt. Doch es gibt wohl kei-
nen berühmteren „Euro-Muslim“ als Ramadan: ein Schweizer Professor mit
ägyptischen Wurzeln, dem nicht wenige vorwerfen, fundamentalistische Po-
sitionen im humanistischen Gewand zu vertreten. Die SPIEGEL-Redakteure Dieter
Bednarz und Daniel Steinvorth trafen ihn in London am Rande eines Vortrags über
Integrationspolitik. Um die europäischen Muslime aus den Ghettos der Vorstädte zu
holen, helfe es nicht, von ihnen zu verlangen, das Kopftuch abzulegen oder Alko-
hol zu trinken, so Ramadan; sie am gesellschaftlichen Leben zu beteiligen verlange
auch Respekt gegenüber ihrer Religion.
spiegel special
2 | 2008
M
D
T
CHRISTIAN SCHMIDT
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DAWIN MECKEL / OSTREUZ
Inhaltsverzeichnis
IDENTITÄT & INTEGRATION
Das Leben in einer Parallelwelt
Essay: Der Orientalist Navid Kermani über den Irrtum,
die Muslime nur über ihre Religion zu definieren
SPIEGEL-Gespräch mit dem Islamexperten Dietrich Reetz
über den Anpassungsprozess der Muslime
Zahlen und Meinungen - der Islam in der Statistik
Wen repräsentieren die deutschen Islamverbände?
Der Multi-Funktionär Ibrahim El-Zayat
Wie der Islam nach Deutschland kam
Tariq Ramadan und der "Euro-Islam"
Prominente Muslime erzählen, wie sie Religion und Alltag verbinden
Ein Altenheim für Türken
Die Aleviten - eine eigenwillige Minderheit
Eine Ahmadiyya-Gemeinde kooperiert mit der Polizei
Islamkritik beflügelt die Hinwendung zum Glauben
Spanien besinnt sich auf jahrhundertelange Traditionen
Ayaan Hirsi Ali - verhasst und als Heldin gefeiert
Frankreichs Muslime zwischen Argwohn und Anerkennung
Die besseren Amerikaner
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RELIGION & TRADITION
Kuppeln und Minarette:
Streit um repräsentative Moschee-Neubauten
Durch alle juristischen Instanzen: Was ist ein Kopftuch?
SPIEGEL-Gespräch mit der Anwältin Seyran Ates
über muslimische Sitten und den Kampf um Frauenrechte
Islamunterricht auf Deutsch in einer Hauptschule
Konvertiten - aus Liebe oder religiösem Eifer
Störungen im christlich-islamischen Dialog
Hilfe für Frauen vor Zwangsheiraten
Die Imamin - eine Frau betreut deutschsprachige Muslime
Islamische Bestattungsriten auf deutschen Friedhöfen
Tiere schächten nach den Regeln des Korans
Vom Glauben abgefallen: der Zentralrat der Ex-Muslime
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TOLERANZ & TERROR
Aus Angst vor islamistischen Anschlägen
werden Grundrechte massiv abgebaut
SPIEGEL-Gespräch mit BND-Chef Ernst Uhrlau
über die Gefahrenlage und Fahndungsmethoden
Fundamentalistische Ratschläge bei Muslim-Markt.de
Antisemitische Hasspropaganda im Namen des Islam
Hausmitteilung
Bücher
Impressum
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(fehlt)
I D E N T I TÄT & I N T E G RAT I O N
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FREITAGSGEBET
Die Zentralmoschee im
Hamburger Stadtteil
St. Georg ist die wichtigste
Anlaufstelle für die rund
130 000 Muslime in der
Hansestadt. Der blau-
gekachelte Gebetsraum
befindet sich im ersten
Stockwerk des Gebäudes.
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